Kulturstiftung des Bundes
Ausgabe: Nr. 3/2026

Tagundnachtgleiche

Tim Holland

Lyrik

Auszug aus einem Hörensagen

Was weiß die Kunst über die Zukünfte unserer Gegenwart?

„Science-Fiction erzählt Geschichten von Vorkommnissen, die nie geschehen sind und nie geschehen werden“, schreibt der Schriftsteller und Kritiker Dietmar Dath in seinem Buch „Niegeschichte“. Vielmehr spiegelt spekulative Literatur die Hoffnungen, Ängste und Wünsche ihrer Entstehungszeit und verlängert sie in die Zukunft. Wie lassen sich heute, im Jahr 2026, Zukünfte phantasieren, wenn die gegenwärtigen und sich ankündigenden Krisen vor allem Katastrophales erwarten lassen?

Der Autor Tim Holland gehört zu einer jungen Generation von Science-Fiction-Autoren, die diese Frage umtreibt. Er versteht sein Schreiben als spekulative Möglichkeitsforschung, als eine Suche nach Erzählungen, die im aktuellen Nachdenken über Zukünfte weniger präsent sind. In seinem Langgedicht „Tagundnachtgleiche“ findet sich das lyrischen Ich in einer unsicheren und ungewissen Ausgangslage wieder: Wie in einem Fiebertraum versucht es mit der Allgegenwart von sich zuspitzenden Krisen umzugehen, die es unmittelbar am mobilen Endgerät mitzuerleben scheint.

„Tagundnachtgleiche“ ist als Auftragswerk der Kulturstiftung des Bundes entstanden und erscheint erstmalig in der dritten Ausgabe von fünf zu eins zu der Frage: „Was weiß die Kunst, was wir nicht wissen?“

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Audioversion anhören (Sprecher: Tim Holland)

1.

Mir war kalt.

Es war dunkel.

Ich lag wach.

Ich war schwach.

Ich wartete.

Ich lag allein, eine Schmach.

Ich lag und zählte Licht.

 

Das heißt: Es war so dunkel, ich fragte mich, wo lag im Dunkeln die Nacht? Und was kam danach?

 

Ich lag wach, wartete geduldig.

Ich wartete beinahe wild.

Ich wurde nicht fotografiert. Es gab kein Bild von mir, wie ich lag.

Ich lag trotzdem.

Ich bestellte die 28, aß einen Glückskeks. Ich las: Tomorrow will be your lucky day.

 

Und Bilder kamen zu mir. Von Feuer und Flut und Tödchen und Tod.

2.

Ich scrollte. Es passierte viel, vieles berührte mich.

Ich berührte den Touchscreen, sonst nichts.

Ich war müde, scrollte, wimmerte leise, zählte Narben, die ich bekäme, regte ich mich.

Ich bewegte mich nicht. Ich scheute Arbeit und alles andere.

Ich scrollte und scrollte und wollte nicht mehr. Aber auch das ging nicht.

Die Videos aus dem Handy waren nicht zu bändigen, übersetzten sich in mich und unter der Daunendecke wurde ich fürchterlich.

Ich sorgte mich.

Ich versuchte mich zu ordnen.

Sorgen übernahmen die Ordnung.1

 

Etwas wehte herein.

 

Zum Vorschein kamen Staubmäuse, auch genährt durch Pollen und Ulmensamen, im Browser die kreisfreie Großstadt Ulm, dann das Ulmer Münster, dann Ulrich, Ulrike, Ultima Ratio, final ein möglicher Umsturz, ja, der Turm des Ulmer Münsters war schon nicht mehr der höchste. Partikel und Pixel schwirrten um mich, ein Sirren in meinem Kopf und vor dem realen Fenster kreisten reale Lach- und Steppenmöwen – rä grä grä-krää-krrääähh — krräääh — krrääähh-kräh-grä. Mit den Vögeln erhob sich ein Schneegestöber – eigentlich Ulmensamen – das sich drehte, drehte, wie eine Ballerina in einer Spieluhr sich um sich dreht, fast leicht, die einzige Bürde: das Drehen. Die Möwen verkündeten die trockene Insel, die Berlin werden würde, wehten dann mit der nächsten Böe davon.

3.

Ich lag und sah, wie alles wucherte und wurde und wurde, und immer mehr, dass leere alle, dass alles voll und so viel zu tun und nirgends eine Lücke, nicht ein kleinstes Glück, dass also nichts stillhielt, es wühlte und ich schon längst nicht mehr suchte, es mir alles ins Handy spülte.

Ich sah die Tortur, die nicht endete, und dass alles lebte, und bekam Werbung für pro- und präbiotische Darmkuren, sah die beständig ablaufenden Atom- bis Kuckucksuhren, und dass alles immer schneller, sah die Blutspuren im Internet, es war immer heute und ich war immer Augenzeuge, sah überall Knatsch, Stunk, Zoff, Gewalt, Krieg und ich. Ich sah die vielfältigen Diktaturen. Es war Totensonntag, Totenmontag, Totendienstag und so weiter.

Ich sah, wie es loderte, sah die San Bernardino Mountains brennen, Porto Alegre, Krasnojarsk. Dann brennende Inseln, Bougainville, Maui, Rhodos, Sumatra, Manaus, die Cerrado-Savanne, brennende Küsten, brennende Berge. Und in Centralia, Pennsylvania, unterirdisch voraussichtlich noch 200 Jahre. Dann Jüterbog.

Flämmchen fraßen sich durch die knochentrockene Nadelschicht. Über Halme, Gras, Sauerklee, Sternmoos, Heidekraut züngelten Flammen, dann im Wacholder, Heidelbeere bis weit in die Kronen, dass Bäume wie Fackeln standen, Feuer höhnte. 

Wie Flammen sich vereinten! Mich dann Flammen mit den brennenden Wäldern verbanden! Und Flammen weitere Flämmchen in Luckenwalder Vorgärten pflanzten, dass Feuer blühte! 

Ich steckte mich an, wurde fiebrig, glimmte, glühte dann, etwas braute sich zusammen, meine Gedanken: Rauchschwaden in Sacha, Sibirien. In hitzigen Delirien verwechselte ich mich. Plötzlich Explosionen. Munition im Boden. Und in mir züngelte es. Ich hatte Feuer gefangen, brannte. Ich lag loh. Schon ein Prasseln in den Gliedern. Ein Wurzelbrand in den Nervenbahnen. Ich regte mich nicht. Genoss ich das Feuer? 

War noch wer versehrt?

Ich lag und sah, dass niemand meuterte.

Dass aber auch gleichzeitig Wasser stieg

und stieg und stieg,

dass Tuvalu und bald auch Spiekeroog.

 

Es war so,

dass alles, was ich sah und las, mir zu Herzen,

dass das Herzchen schwoll, pochte, drohte und überquoll,

dass das Herzchen, also meines,

ein zwanghaftes Museum für Gräuel,

ein wahrer Schrottplatz für diese Welt.

 

Ich lag.

Ich bewegte mich nicht. Ich wusste nicht wozu.

 

Schatten legte sich zu mir.

Ich aß einen Glückskeks. Ich las: The world may be your oyster, but it doesn’t mean you’ll get its pearl.

War da Wut?

4.

Ich hatte Angst.

Ich hatte Angst vor dem, was war, und dem, was kommen würde.

 

Und meine Angst wuchs, wie Drachenfrucht wächst: schnell.

Well,

Angst schmerzte mich.

Zum Arzt ging ich nicht.2

Ich blieb liegen und wurde wunderlich.

Ich scrollte und scrollte und sah rammelnde Feldhasen, nahe Kreuznach in der Pfalz, und Ungras (das heißt: Hexenkraut beziehungsweise Würgergras) grasende Steppenzebras in Südwest-Kenia. Zuvor Genannte und weitere andere – etwa der Schwarzschwanz-Präriehund, eigentlich ein Erdhörnchen, der Schwanz gar nicht so unbunt, von der Lewis-und-Clark-Expedition 1804 nach seinem bellenden Ruf benannt, die größte Population lebt in Nordamerika – flüchteten bei Gefahr.

Ich spürte: Ich war ebenso Beute dieser Gegenwart. Ich lag bammelig, war in meiner Not fast abenteuerlustig und spürte eine Begabung zur Flucht.

Ich aß einen Glückskeks. Ich las: You’ll never forget this journey.

Da verwandelte ich mich, ich wusste bisher nichts von diesem Zaubertrick.

Meine Augen begannen zu wandern, entfernten sich so voneinander, dass sie fluchttiergleich seitlich am Kopf blinkten (kein toter Winkel, alles für eine bessere Rundumsicht).

Wimmerte ich?

Ich hörte nichts, strengte mich dann so an, dass mein linkes Öhrchen wuchs, erst die Muschel, dann auch der Gehörgang, dass – ach, es tat nur ein bisschen weh – die Knöchelchen splitterten, sich verzweigten, quasi verfünffachten, dass ich nun ein ausgewachsenes Feldhasenohr spitzen, drehen konnte.

Durchs gekippte Fenster kam ein Hauch.

Und mäuseverwandt, wie ich mich momentan dachte, rannte ich los.

Ich rannte.

Also, natürlich nur innerlich.3

Tränen flossen mir übers Gesicht – oder war es Schweiß? –, die Augen brannten. 

Ich rannte.

Ich raste.

Schlug Haken.

Die Augen wurden heiß. 

Ich schlug mir gegen die Stirn. Ich drehte meine Hosentaschen auf links. Es regnete Asche. Was war das für eine Plage? Das Hirn machte, was es wollte, nichts ergab Sinn. Ich wusste nicht, wohin. In mir erhob sich eine große, weinerliche Klage.

Ehrlich, ich hatte die Idee, auszuziehen, umzusiedeln, mich wem anzuschließen, mit pinselohrigen eurasischen Luchsen durch den Harz. Aber das Einwohnermeldeamt hatte erst in drei Monaten einen freien Termin.

Ich lag, jetzt verschwitzt, und sah, wie die Sonne sich durch die Wolken radierte.

Ich scrollte und scrollte, bis der Feed sich verhedderte. 

Etwas war neu.

Lud.

5.

Der Mond rollte über den Himmel.

Mir ging’s nicht gut. Im Zimmer hing Dunst.4 

Alle Bilder waren weg und ich hatte immer noch Angst.

Ich lag in einer inneren Rauhnacht, hörte, was kam.

Ich hörte Terje Dragseth sagen: Was Geräusch macht, ist mehr als Geräusch. 

Ich war patzig.

Die Norne Skuld, die für das Sein-Sollende, Schickal und Zukunft verantworlich zeichnete: Du hast einfach zu wenig geratzt!

Ich lag, das Hirn bat mich. Und ich hörte meine Mutter sagen: Die Zukunft liegt vor dir. 

Ich grollte. Ich wollte ja, aber ich kam nicht hin.

Ich hörte eine Aymara sagen (48, La Paz, Bolivien): Wenn du die Zukunft suchst, musst du in deinem Rücken schauen.

Glückskekskrümel piksten an der Wirbelsäule.

Mir war zum Heulen zumute.

Ich hörte William Gibson sagen: Die Zukunft ist längst da. Sie ist nur ungleich verteilt.

Die Zukunft geht uns voraus, wie wir unser Schatten. Wer hatte das gesagt?

Mein Schatten schwieg beharrlich, hatte sich mit Abstand zu mir an der Wand gelegt.

Wehe, wenn jetzt auch noch Tränen.

Ich hörte Elon Musk sagen: Die Zukunft der Menschheit ist multiplanetar.

Aber ich hatte ja keine andere Wahl, ich blieb planetar und also da.

Es wurde warm.

Draußen schimmerte es: Morgenblau, dann Morgenrot, dann war Morgen.

Da saß eine Nebelkrähe auf dem Fensterbrett.

Da war eine Nähe.

Dann war sie weg. 

Tim Holland, geboren 1987 in Tübingen, ist Lyriker und Verleger. Er studierte am Literaturinstitut Leipzig und gründete mit Tristan Marquardt und Hannes Munzinger 2017 den hochroth Verlag München. Holland veröffentlicht in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Seit 2016 erschienen mehrere Lyrikbände. Sein Buch „wir zaudern, wir brennen“ (2022) wurde mit dem ver.di Literaturpreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnet.


Fußnoten

  1. 1 ) Wobei ich wusste: Ordnung = Rodung + n. Aber was war zu roden?
  2. 2 ) Ich wusste nicht: Was bewies Angst, wo tat sie nur, was sie konnte?
  3. 3 ) Mir war kalt. Es war dunkel. Ich lag wach. Ich war schwach usw.
  4. 4 ) … wie ein Wunsch, der nicht heilt, der Wunde bleibt, nicht Wunder wird.