A Latent Garden
Cultivating Noise, Choosing Chaos
Marie-Ève Levasseur
2024 betrug der in Studien ermittelte globale Datenverbrauch 173,4 Zettabyte (ein Zettabyte umfasst eine Billionen Gigabyte). Prognosen zufolge sollen sich die jährlich genutzten Daten bis 2029 verdreifachen, nicht zuletzt durch Entwicklungen im Bereich KI. Die dafür notwendige Infrastruktur und deren Energieverbrauch verursachen hohe CO₂-Emissionen, die für User kaum sichtbar sind.
In „A Latent Garden“ setzt sich Marie-Ève Levasseur kritisch mit dem schier endlosen Generieren und Sammeln von Daten und der damit verbundenen Klimawirkung auseinander. Die Arbeit schlägt eine spekulative Lösung für dieses Problem vor: Mit interaktiven Bild- und Klangwelten vermittelt sie einen digitalen Zersetzungsprozess, in dem Datenabfall zu „Techno-Kompost“ wird.
In der Natur wird angehäufte Masse durch Zersetzung bewältigt und in fruchtbare Substanz verwandelt, aus der neues Leben entstehen kann. Levasseurs Zukunftsvision überträgt dieses Prinzip auf das Feld der Technologie: Nicht verwendete Bilder und Töne aus früheren künstlerischen Arbeiten werden in einem Bilderrauschen zerlegt und mithilfe eines Algorithmus neu zusammengesetzt. Dieser technologische „Stoffkreislauf“ ist in „A Latent Garden“ interaktiv zu erleben.
Das digitale Kunstwerk von Marie-Ève Levasseur erscheint erstmalig in der dritten Ausgabe von fünf zu eins zu der Frage: „Was weiß die Kunst, was wir nicht wissen?“
„A Latent Garden“ ist eine künstlerische Arbeit, die Marie-Ève Levasseur für die Rezeption im Browser entwickelt hat. Sie können das digitale Kunstwerk durch Scrollen und Klicken interaktiv erleben. Oben rechts lassen sich der Ton ein- und ausschalten sowie die Schriftart der Texte verändern.
Sich zersetzen …
Sterben als Akt der Fürsorge,
Platz schaffen, damit anderes atmen, wachsen kann.
Kein Verschwinden,
sondern ein Umverteilen –
ein Mit- und Durch- und Ineinander-Werden.
Regeneration zu suchen
ist nie neutral, nie einsam.
Erneuerung ist immer kollektiv.
Schöpfung gedeiht durch das, was schon berührt,
verzehrt, verändert wurde.
Ein Remix.
Etwas Ungezähmtes taucht auf,
aus Störungen geboren.
Eine absichtslose Kraft
auf der Flucht vor Kontrolle.
Ein Chaos, das sich dem Zugriff widersetzt,
ein schönes, schimmerndes Chaos.
Dieser Körper, umschlungen von Gemeinschaft,
verzehrend, fressend, schmarotzend, aufnehmend, sich wandelnd,
schöpft aus dem Mineralischen, Pflanzlichen, Tierischen,
aus Arbeit, Affekt und Begehren.
Und diese singende Maschine, die nie beim Nichts beginnt,
setzt das Archiv der Vergangenheit neu zusammen und beschwört es,
lässt es immer wieder in mögliche Zukünfte einfließen.
Für immer neu, und doch nie unvertraut.
Die glatten Linien verlernen,
die saubere Architektur der Normierung;
Bildern erlauben queer zu sein,
unanständig, laut, verstörend –
ein Bild, das die rauen Spuren des Lebendigen trägt,
wild genug, um sich der Glätte der Statistiken zu widersetzen.
Den latenten Raum als Garten erkennen,
ein Ökosystem jenseits von Worten;
nicht von Sprache beherrscht,
sondern von Interferenzen,
vom Ertrag dieses Komposts,
von Störung als fruchtbarem Boden.
Ein Keim für Regeneration.
„A Latent Garden“ entstand im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes. Mit der Arbeit führt Marie-Ève Levasseur ihr Projekt „Techno-Compost“ fort. Die zuvor realisierten Werke „Techno-Compost 01 (decomposition)“ und „Techno-Compost 02 (RGB noise and the latent space as a garden)“ präsentierte Levasseur erstmalig 2025 als immersive Virtual-Reality-Installationen in einer Ausstellung.
Marie-Ève Levasseur bedankt sich bei Leon Louder für die Komposition der Klangwelt und bei David Liebermann und Jana Reddemann für die Programmierung der Webseite. Zusätzlicher Dank gilt Sporobole für die „Chantier IA“-Residenz 2024 und der Galerie der Universität Montréal (Christelle Proulx and Hugo Bérard) sowie IVADO für die zweite Residenz, die das VR-Projekt ermöglichte. Dank gebührt ebenfalls Renaud Gervais für den Austausch und die mit Compute Shader realisierten algorithmischen „Zerlegungs-Agenten“.