Kulturstiftung des Bundes
Ausgabe: Nr. 3/2026
Kunst

A Latent Garden

Cultivating Noise, Choosing Chaos

Marie-Ève Levasseur

Was weiß die Kunst über die Zukunft unseres Datenabfalls?

2024 betrug der in Studien ermittelte globale Datenverbrauch 173,4 Zettabyte (ein Zettabyte umfasst eine Billionen Gigabyte). Prognosen zufolge sollen sich die jährlich genutzten Daten bis 2029 verdreifachen, nicht zuletzt durch Entwicklungen im Bereich KI. Die dafür notwendige Infrastruktur und deren Energieverbrauch verursachen hohe CO₂-Emissionen, die für User kaum sichtbar sind.

In „A Latent Garden“ setzt sich Marie-Ève Levasseur kritisch mit dem schier endlosen Generieren und Sammeln von Daten und der damit verbundenen Klimawirkung auseinander. Die Arbeit schlägt eine spekulative Lösung für dieses Problem vor: Mit interaktiven Bild- und Klangwelten vermittelt sie einen digitalen Zersetzungsprozess, in dem Datenabfall zu „Techno-Kompost“ wird.

In der Natur wird angehäufte Masse durch Zersetzung bewältigt und in fruchtbare Substanz verwandelt, aus der neues Leben entstehen kann. Levasseurs Zukunftsvision überträgt dieses Prinzip auf das Feld der Technologie: Nicht verwendete Bilder und Töne aus früheren künstlerischen Arbeiten werden in einem Bilderrauschen zerlegt und mithilfe eines Algorithmus neu zusammengesetzt. Dieser technologische „Stoffkreislauf“ ist in „A Latent Garden“ interaktiv zu erleben.

Das digitale Kunstwerk von Marie-Ève Levasseur erscheint erstmalig in der dritten Ausgabe von fünf zu eins zu der Frage: „Was weiß die Kunst, was wir nicht wissen?“

Sich zersetzen …
Sterben als Akt der Fürsorge,
Platz schaffen, damit anderes atmen, wachsen kann.
Kein Verschwinden,
sondern ein Umverteilen –
ein Mit- und Durch- und Ineinander-Werden.

Regeneration zu suchen
ist nie neutral, nie einsam.
Erneuerung ist immer kollektiv.
Schöpfung gedeiht durch das, was schon berührt,
verzehrt, verändert wurde.
Ein Remix.

Etwas Ungezähmtes taucht auf,
aus Störungen geboren.
Eine absichtslose Kraft
auf der Flucht vor Kontrolle.
Ein Chaos, das sich dem Zugriff widersetzt,
ein schönes, schimmerndes Chaos.

Dieser Körper, umschlungen von Gemeinschaft,
verzehrend, fressend, schmarotzend, aufnehmend, sich wandelnd,
schöpft aus dem Mineralischen, Pflanzlichen, Tierischen,
aus Arbeit, Affekt und Begehren.

KI-generiertes Bild: Blattähnliche Struktur in hellen Blau- und Lilatönen, deren Rippen sich oben in einem insektenartigen Kopf bündeln.
KI-generiertes Bild: Käfer mit USB-Anschluss als Mundwerkzeug.
KI-generiertes Bild: Auf einem metallisch wirkenden Untergrund befinden sich sieben insektenartige Wesen, deren Flügel verfremdet sind.
KI-generiertes Bild: Grüne, dicke Raupe in einem mehrfach unterteilten flachen Kasten. Im Vordergrund sind Bauelemente von Computern zu erkennen.
KI-generiertes Bild: Nahaufnahme einer Struktur, die an Platinen erinnern. Innerhalb sind Milbenartige Wesen regelmäßig angeordnet.
KI-generiertes Bild: Drei insektenartige Wesen auf einem Waldboden.
KI-generiertes Bild: Ein Dutzend Schaben mit Flügeln in Pink, Grün oder Gelb sind umgeben von Kabeln und Computern.
KI-generiertes Bild: Auf einem Erdboden befindet sich ein größeres, langgestrecktes, käferartiges Wesen mit mehr als ein Dutzend behaarter Beine. Davor befindet sich ein spinnenartiges, kleineres Wesen.
KI-generiertes Bild: Makroaufnahme von drei miteinander verbundenen Insektenflügeln in Lila-, Blau- und Grüntönen.
KI-generiertes Bild: Rückenansicht von einem androgynen Wesen mit menschlicher Statur. Am Kopf und Rücken befinden insektenartige Flügel.

Und diese singende Maschine, die nie beim Nichts beginnt,
setzt das Archiv der Vergangenheit neu zusammen und beschwört es,
lässt es immer wieder in mögliche Zukünfte einfließen.
Für immer neu, und doch nie unvertraut.

Die glatten Linien verlernen,
die saubere Architektur der Normierung;
Bildern erlauben queer zu sein,
unanständig, laut, verstörend –
ein Bild, das die rauen Spuren des Lebendigen trägt,
wild genug, um sich der Glätte der Statistiken zu widersetzen.

Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominiert Grün.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominieren Blau und Grün.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominieren helles Grün und Grau.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominieren Blau und Grau.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominieren Türkis und Lila.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominieren Blau und Grün.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominiert Blau.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominiert Lila.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominieren helles Lila, Türkis und Gelb.
Das KI-generierte Bild zeigt eine abstrakte Bildwelt mit Elementen, die an organisches Material wie Blätter, Stiele und Insekten erinnern. Farblich dominieren Grün und Pink.

Den latenten Raum als Garten erkennen,
ein Ökosystem jenseits von Worten;
nicht von Sprache beherrscht,
sondern von Interferenzen,
vom Ertrag dieses Komposts,
von Störung als fruchtbarem Boden.
Ein Keim für Regeneration.

„A Latent Garden“ entstand im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes. Mit der Arbeit führt Marie-Ève Levasseur ihr Projekt „Techno-Compost“ fort. Die zuvor realisierten Werke „Techno-Compost 01 (decomposition)“ und „Techno-Compost 02 (RGB noise and the latent space as a garden)“ präsentierte Levasseur erstmalig 2025 als immersive Virtual-Reality-Installationen in einer Ausstellung.

Marie-Ève Levasseur bedankt sich bei Leon Louder für die Komposition der Klangwelt und bei David Liebermann und Jana Reddemann für die Programmierung der Webseite. Zusätzlicher Dank gilt Sporobole für die „Chantier IA“-Residenz 2024 und der Galerie der Universität Montréal (Christelle Proulx and Hugo Bérard) sowie IVADO für die zweite Residenz, die das VR-Projekt ermöglichte. Dank gebührt ebenfalls Renaud Gervais für den Austausch und die mit Compute Shader realisierten algorithmischen „Zerlegungs-Agenten“.

Marie-Ève Levasseur, geboren 1985 in Trois-Rivières (Kanada), arbeitet als Multimedia-Künstler*in in Montreal. Levasseur studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, absolvierte Residenzen bei Schloss Solitude und Sporobole und erhielt mehrere Stipendien, etwa vom Canada Council for the Arts und von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Ihre Videos, Installationen, Skulpturen sowie Augmented- und Virtual-Reality-Arbeiten sind in zahlreichen internationalen Ausstellungen zu sehen.