Der lebendige
Spiegel
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Künftiges exakt vorhersagen kann die Zukunftsforschung nicht. Allerdings liefert sie wertvolles Orientierungswissen, weil sie mit möglichen, wahrscheinlichen und wünschenswerten Zukunftsszenarien aufzeigen kann, welche Entwicklungen gestaltbar sind.
Der Politikwissenschaftler Sohail Inayatullah hat seit den 1980er-Jahren das Feld der „Future Studies“ wesentlich mitgestaltet. Die von ihm entwickelte Methode Causal Layered Analysis (CLA) versucht, verschiedene Schichten der Zukunftsvorstellungen von Gesellschaften zu ergründen: von der Ebene der Schlagzeilen über strukturelle Faktoren und den darunter liegenden Weltanschauungen bis zu den tief verwurzelten Mythen und Metaphern. Diese Dekonstruktion bestehender Zukunftsnarrative ermöglicht es, neue Bilder zu entwerfen.
Als wissenschaftliche Disziplin ist die Zukunftsforschung unmittelbar von der spekulativen Vorstellungskraft der Kunst inspiriert. Inayatullah skizziert dies in seinem Essay fachlich und persönlich, etwa mit dem Blick auf künstlerische und kulturelle Impulse, die sein eigenes Denken seit den Umbrüchen um 1968 geformt haben. Im Kontext makro-historischer Entwicklungen denkt er auch darüber nach, welche Rolle der Kunst in der Transformation des Planeten zukommt – insbesondere, wenn die Menschen in Zukunft ihren alleinigen Anspruch auf ein höheres Bewusstsein verlieren sollten.
„Der lebendige Spiegel“ von Sohail Inayatullah erscheint erstmalig in der dritten Ausgabe von fünf zu eins zu der Frage: „Was weiß die Kunst, was wir nicht wissen?“
Vor über zwanzig Jahren arbeitete ich zusammen mit meinem Sohn, der damals etwa sieben Jahre alt gewesen sein muss, an einem Storyboard. Er war schon damals von allem begeistert, was mit Wissenschaft zu tun hatte, und hatte sich eine Figur namens Data Boy ausgedacht. Data Boy konnte sehr gut Informationen analysieren und war ein glänzender Programmierer. Ich war Eagle Boy – der Adlerjunge, der die sich abzeichnende Zukunft erkennen konnte. Sparkle, seine Schwester, versprühte eine ansteckende Energie, und Cosmea, die Mutter, heilte und stiftete Verbindungen.
Diese Zeichnungen lagen jahrzehntelang in einer Schachtel mit Erinnerungsstücken, und erst vor Kurzem nahm ich sie zum ersten Mal wieder hervor, weil mir ein Auslandsjahr bevorstand, und sah mir die Handlung genauer an: Die vier erwähnten Figuren empfinden Angst, als in ihrer Umgebung unbekannte intelligente Wesen auftauchen. Bald finden sie heraus, dass es sich um Flugdroiden handelt, und dass diese Droiden gar keine fremden Kreaturen sind, sondern dieselbe DNA besitzen wie Data Boy. Es sind empfindungsfähige Roboter. Doch Sparkle und Data Boy entwerfen einen Plan, um sich gegen eine mögliche Invasion zu schützen. Cosmea gibt zu bedenken, dass die Droiden sich vielleicht nur verirrt haben und deswegen in Kontakt zu ihnen treten wollen. In der Schlussszene senden die Droiden dann tatsächlich ein Zeichen des Friedens. Die Story endet mit einer Überblendung zum Sonnenuntergang.
Das vermeintlich Fremde
ist ein Teil von uns,
und auf Verwandlungen sollten
wir uns vorbereiten.
Die Botschaft dieser kurzen Geschichte ist eindeutig: Roboter können fühlende Energiewesen sein (oder werden); aus Angst kann Frieden erwachsen; wir alle sind eine große Familie; das vermeintlich Fremde ist ein Teil von uns, und auf Verwandlungen sollten wir uns vorbereiten.
Die Entfaltung
eines Bewusstseins
Diese Geschichte, die wir uns in den frühen 2000er-Jahren ausgedacht haben, sagt die Welt voraus, in der wir heute leben. Eine Welt, in der Technologie, Natur und Bewusstsein entweder miteinander konkurrieren oder sich gemeinsam weiterentwickeln können. Aus der Perspektive der Makrogeschichte, die versucht, die großen historischen Entwicklungsmuster zu deuten, lassen sich die letzten Jahrhunderte als eine gewaltige Ausweitung von Menschenrechten verstehen, als Entfaltung eines Bewusstseins, die sich in Wellen vollzogen hat.1 Diese Entfaltung begann bereits mit dem Aufstand des Kleinbauerntums gegen den Feudalismus im Spätmittelalter und nahm Fahrt auf, als die Aristokratie die Macht des Klerus anfocht und so das alleingültige Dogma der Kirche durchbrach und den Weg für wissenschaftliches Denken ebnete.
Als sich das Bürgertum während der Französischen Revolution gegen Adel und Klerus erhob, gewann diese Welle weiter an Kraft und führte zur aufklärerischen Forderung nach einem rationalen Humanismus. Es folgten Revolten und Proteste gegen die Bourgeoisie, die vielerorts die Rechte der Arbeiterschaft stärkten. Die Welle lief weiter und schwoll zum umwälzenden und anhaltenden Kampf der Frauen gegen das Patriarchat in all seinen Erscheinungsformen an; sie rollte voran in Form der Proteste grüner Bewegungen gegen die Industrialisierung und baute sich auf zu länderübergreifenden Bewegungen in Afrika und Asien im Prozess der Dekolonialisierung. In jüngerer Zeit erfasste die Kraft derselben Welle indigene Bevölkerungsgruppen, die sich gegen aufoktroyierte Gesellschaftsstrukturen zur Wehr setzen. Sie beanspruchen einen besonderen Status als Hüterinnen des Planeten und wollen lokales Wissen zur Lösung von Klima- und Regierungskrisen einsetzen. Und schließlich spüren wir die Welle in den idealistisch geprägten Gesellschaftstheorien, die sich gegen die nationalstaatlich ausgerichtete Weltordnung erheben, wobei sich soziale Bewegungen zusammenschließen, und einen dritten Raum schaffen, der weder den Herrschenden noch dem Kapital verpflichtet ist. In jüngster Zeit wurden etwa Forderungen laut, den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu reformieren, und zwar nicht nur durch die Aufnahme weiterer Nationalstaaten oder die Abschaffung des Vetorechts, sondern indem die Kategorie des Nationalstaats an sich hinterfragt und eine Zukunft entworfen wird, in der alle Bürgerinnen und Bürger der Erde direkt abstimmen können. Dieses Modell sieht eine UNO mit unterschiedlichen Kammern vor: mit Judikative und Exekutive sowie miteinander verflochtenen Kammern für Bürgerinnen und Bürger, für Kommunen, für Nationen, für Natur und für Handel. Dies ist nicht so sehr eine Revolution, die sich gegen etwas richtet, sondern eine Revolution für eine Zukunft einer alternativen Welt – getragen von der Überzeugung, dass eine solche Welt möglich ist.
Der Philosoph P. R. Sarkar2 beschrieb diesen Schritt mit dem Bild, den gesamten Planeten als Karawane, als eine Gemeinschaft von Reisenden zu sehen, die sich gemeinsam weiterbewegen und einander unterstützen. Diese Vorstellung verschiebt die fragmentierte Weltanschauung des Stammesdenkens zu einem planetarischen, auf Gaia basierenden Bewusstsein, das danach strebt, Natur, indigene Perspektiven und sogar Technologie einzubeziehen, wie ich noch ausführen werde. Doch Makrohistoriker*innen erinnern uns daran, dass diese Veränderungen, auch wenn sie sich innerhalb großer Wellen des Fortschritts ereignet haben, ungleichmäßig verlaufen sind, und dass Pendelphänomene existieren, also starke Schwankungen zwischen Gleichheit und Ungleichheit, zwischen Moderne und Tradition, Wissenschaft und Dogmen.
Das sich abzeichnende
Bild der Zukunft
Vor 40 Jahren, als Forscher für die Justizbehörde von Hawaii, verfasste ich gemeinsam mit einem Kollegen eine Reihe von Aufsätzen über Robotik. Darin vertraten wir die These, dass die nächste geschichtliche Epoche eine sein werde, in der Natur und Technologie allmählich eigene Rechte eingeräumt werden.3 Das würde eine Welt hervorbringen, in der Mensch, Natur und Technologie die Evolution aktiv mitentwerfen und mitgestalten. Für Sarkar entspricht das ziemlich genau einer zukünftigen Welt, in welcher der Geist – durch spirituelle Praxis zu der von ihm so bezeichneten „Microvita“ angeregt – Einzug in die Technologie halten und die grundlegenden Paradigmen beeinflussen wird, nach denen wir leben.4
Paradigmen verändern sich in dem Maß, wie sich die Vorstellungen hinter unseren Institutionen und Weltauffassungen verändern. Wegbereitend für den Wandel sind diejenigen, die ihrer Zeit voraus sind. Nicht jene also, die sich mit den Wellen des Wandels bewegen, sondern diejenigen, die diese Wellen aufkommen sehen oder sie selbst erzeugen. Den Wandel kommen sehen, bedeutet, auch schwache Signale („weak signals“) zu erkennen: die eher vagen Ideen, die unsere Konstruktion von Wirklichkeit verändern. Künstler und innovative Wissenschaftlerinnen – also Menschen, die abseits des Zentrums, der unübersichtlichen Wissenszentren stehen – erkennen den Wandel für gewöhnlich früher. Graham Molitor hat diese Beobachtung zum Kern seines Modells zur Antizipation aufkommender Probleme („emerging issues“) gemacht.5 Egal, ob die wahrgenommenen Veränderungen den Übergang vom subtilen Gedanken zur messbaren Realität schaffen werden: Für Sarkar spielen Künstler*innen eine doppelte, ja, entscheidende Rolle bei der Schaffung von Zukunft. Es gibt demnach zwei Typen. Der erste Typus kommentiert den Ist-Zustand und konzentriert sich darauf, die Realität möglichst genau wiederzugeben. Der zweite stellt sich hingegen eine andere Zukunft vor. Solche Künstlerinnen und Künstler betrachten die Welt aus der Vogelperspektive. Diese Distanz lässt ihnen Raum zum Anderssein. Sie stiften Unruhe und erzählen eine alternative Geschichte davon, was es heißt, Mensch zu sein. Für diesen Typus geht es also nicht nur darum, die Anzeichen für einen Wandel, die Vorzeichen neuer Wellen zu bemerken, und auch nicht darum, sich mit der Welle zu bewegen, sondern, wie bereits angedeutet, selbst Wellen auszulösen.
Die Analyse schwacher Signale, gepaart mit der Analyse der aufkommenden Probleme, lässt ein Bild der Zukunft erahnen, an dem wir uns genauso orientieren können wie an der Sogkraft der Zukunft selbst. Vor einigen Jahrzehnten bezeichneten Oliver Markley und Willis Harmon die 1960er-Jahre als die Schwelle zu einer neuen Vision für die Menschheit.6 Vom All aus gesehen erscheint uns die Erde fragil und nicht in Nationen eingeteilt. Sie ist grün, blau und magisch. Die Heimat Gaias. Von der Zukunft aus gesehen könnten die Ereignisse der 1960er-Jahre, so der Makrohistoriker Immanuel Wallerstein, wie eine Weltrevolution erscheinen, weil sie die gesamte akzeptierte gesellschaftliche Realität der letzten Jahrhunderte infrage stellten.7 Eine solche Verschiebung der Perspektive könnte sich zu einem neuen globalen System auswachsen, das pluralistisch, demokratisch und fähig ist, den Widerspruch zwischen der Notwendigkeit von Wachstum und der Notwendigkeit, den Planeten zu retten, aufzulösen. Ein paar Jahre später, Anfang der 1970er-Jahre, verschob John Lennon mit seinem Song „Imagine“ den Vorstellungshorizont schließlich noch weiter und forderte eine Zukunft jenseits von Nationalstaaten, Stammesdenken und Egozentrismus.
Die Ursprünge der
Vorstellungskraft
Meine eigenen Vorstellungswelten empfing ich von Schriftstellerinnen und Künstlern. In der zehnten Klasse spornte mein Englischlehrer uns an, ein Buch pro Woche zu lesen. Er sagte, das sei der sichere Weg zu sehr guten Noten. Ich nahm die Herausforderung an, interessierte mich aber nur für Science-Fiction. Isaac Asimovs „Foundation“-Zyklus, Ray Bradburys „Mars-Chroniken“ und „Fahrenheit 451“, George Orwells „1984“, Jewgeni Samjatins „Wir“ und Kurt Vonneguts „Die Sirenen des Titan“ und „Katzenwiege“ veränderten meine Sicht der Welt, weil sie die Möglichkeit einer anderen Welt in den Raum stellten, selbst wenn diese schlechter sein sollte als unsere.
Der Wendepunkt aber trat durch ein Video ein, das man uns in der Highschool zeigte. Darin waren zwei Menschen zu sehen, die romantisch händchenhaltend durch einen Wald liefen. Als die Kamera auf ihre Gesichter schwenkte, erkannten wir, dass es sich um Roboter handelte. Ich war wie vom Blitz getroffen, und die Auffassung, dass Menschen über allem anderen standen, war ein für alle Mal erschüttert.
Science-Fiction wurde für mich bald von der Zukunftsforschung abgelöst; einem Feld, das von Kunst und ästhetischer Sensibilität inspiriert ist, von der Vorstellung des Möglichen und der Suche nach dem Nicht-Sichtbaren, das aber insofern wissenschaftlich ist, als es die Grenze zwischen Verhaltensforschung und Philosophie zu überschreiten sucht.8 Im Lauf der Zeit wurde daraus die Kunst und die Wissenschaft davon, mögliche, plausible und gewünschte Zukünfte zu erfassen – sowie die Weltanschauungen und Mythen, die ihnen zugrunde liegen. Dabei soll die Welt gleichzeitig dekonstruiert und neu erschaffen werden. Zukunftsforschung ist eine Brücke zwischen gestern, heute und morgen. Sie umfasst die Kartierung der sich verändernden Zukunft durch Methoden wie das Zukünfte-Dreieck, die Antizipation der Zukunft durch die Analyse aufkommender Probleme, die zeitliche Einteilung der Zukunft mit makrohistorischen Methoden, die Tiefenerfassung der Zukunft mittels narrativer Analyse und kausaler Schichtanalyse (Causal Layered Analysis), die Breitenerfassung mittels Szenarien und die Umgestaltung der Zukunft durch Voraussicht und Rückschau.
Science-Fiction wurde für mich bald von der Zukunftsforschung abgelöst; einem Feld, das von Kunst und ästhetischer Sensibilität inspiriert ist.
Das Pendel schwingt
Das Denken in Zukünften hilft uns, Diskontinuitäten zu erkennen. Während ich oben noch die Entfaltung eines planetarischen Bewusstseins beschrieben habe, verläuft dieser Prozess nur selten geradlinig. Wie uns das Schema der Makrogeschichte lehrt, gehört zum Fortschritt auch, dass das Pendel immer wieder stark in die entgegengesetzte Richtung ausschlägt. Heute befinden wir uns an einem solchen Punkt und erleben einen Rückschritt gegenüber der Gaia-Vision der 1960er-Jahre. Eine Welt, in der sich Rechte kontinuierlich erweitern, wird von einer Welt bedroht, in der der Grundsatz „Might is Right“ gilt. Wie ein ranghoher Berater des US-Präsidenten inzwischen mehrfach wiederholt hat: Die wirkliche Welt „wird nur durch Stärke beherrscht, durch Zwang beherrscht, durch Macht beherrscht“.9
Künstlerinnen und Künstler zeigen uns solche von Brutalität beherrschte Welten, bringen uns aber auch dazu, uns andere vorzustellen. Ich wuchs in einer Familie auf, die eine widersprüchliche Mischung im Fernsehen erlebte: aus Frank Sinatra, der New York verherrlichte, und Harry Belafonte, der die Notlage von nicht-weißen Menschen in den USA und auf der ganzen Welt thematisierte. Mir erschien die Gegenwart dadurch dekonstruktivistisch, da Macht sowohl affirmiert als auch infrage gestellt wurde. Erst Woodstock bewirkte eine echte Neuausrichtung der Wirklichkeit. Die Bedingungen, sich zu beteiligen, hatten sich verändert. Die Musikerinnen und Musiker hinterfragten die Gegenwart nicht nur. Sie konnten sich eine andere Welt vorstellen. Heute inspiriert mich das Werk von Josephine Wall, das als schwaches Signal einer sich abzeichnenden Zukunft gelesen werden kann, in der frühere und heutige Menschen durch neu entstehende Technologien verbunden sind, liebevoll angeleitet von einem allumfassenden Bewusstsein. Ähnlich faszinierend ist das myzelische Netzwerk, das durch die Fernsehserie „Star Trek: Discovery“ (2017–2024) bekannt geworden ist. Die Natur erscheint hier als eine Art Subraum-Portal, das im Handumdrehen Reisen an jeden Ort im Kosmos ermöglicht – und zu den richtigen Bedingungen sogar durch die Zeit.
Der lebendige Spiegel
Um zu verstehen, was Kunst tatsächlich über die Zukunft wissen kann und was nicht, können wir die Methode der Causal Layered Analysis (CLA) zu Rate ziehen.10 Dabei werden der Realität vier Ebenen zugewiesen: die erste Ebene („litany“) ist die offizielle oder oft unhinterfragte Zukunft; die zweite ist das System („system“), das die erste Ebene erzeugt; auf der dritten Ebene befinden sich die unterschiedlichen Weltansichten („world view“), die auf der zweiten Ebene Sinn herstellen; und schließlich folgt die vierte und unterste Ebene, der unbewusste narrative Rahmen mit den Mythen und Metaphern, die Aufschluss darüber geben, was für eine Welt wir uns wünschen. Nur die Spitze des Eisbergs ist sichtbar. Das Sichtbare erscheint gesetzt, nahezu unveränderbar. Wenn wir aber tiefer hinabsteigen, bewegen wir uns vom Konkreten zum Subtilen, Imaginären und Nicht-Messbaren. CLA versucht also, die Zukunft zu dekonstruieren und anschließend zu rekonstruieren.
Früher erzählte man, Kunst sei der Spiegel, der der Realität vorgehalten werde; ein Werkzeug, um die Zukunft zu beschreiben. In der neuen Erzählung, die wir uns jetzt zu eigen machen sollten, ist die Kunst die Zukunft – ein lebendiger Spiegel.
Wenn man mit dieser Methode Kunst und Zukunft betrachtet – die erste Ebene, die Oberfläche –, dann sehen wir dort zum Beispiel Headlines zum Thema KI-Kunst und Debatten darüber, ob eine Maschine kreativ sein kann. Unhinterfragt bleibt hier die Annahme, dass Kunst ein menschlicher Akt ist. Darunter, auf der systemischen Ebene, befinden sich die Ursachen: ein Kunstmarkt, der Kreativität kommerzialisiert, Bildungssysteme, die Kunst und Wissenschaft voneinander trennen, und technologische Algorithmen, die dieses alte industrielle Modell aufbrechen. Noch weiter darunter befindet sich die Weltsicht des Industriezeitalters. Sie ist materialistisch und anthropozentrisch, mit Menschen als einzigen Erzeugern von Bedeutung. Heute ist es Künstliche Intelligenz, die noch im Abseits zu stehen scheint; aber in historischen Debatten ging es in ähnlicher Form darum, ob diejenigen außerhalb westlicher Imperien selbst Kunst schaffen oder nur als Modelle für die ausgebildeten Kunstschaffenden der Kolonialmacht dienen können. Heute entsteht hingegen eine neue, mehr an Gaia orientierte Weltsicht, die Bewusstsein nicht als menschliches Monopol betrachtet, sondern auch als Merkmal komplexer Systeme. Das ist die Weltsicht, die von empfindungsfähigen Datenwesen ausgeht, von einem lebendigen Planeten.
Zuletzt erreichen wir in der kausalen Schichtanalyse die unterste Ebene: Mythos und Metapher. Hier findet die tiefgreifendste Transformation statt. Früher erzählte man, Kunst sei der Spiegel, der der Realität vorgehalten werde; ein Werkzeug, um die Zukunft zu beschreiben. In der neuen Erzählung, die wir uns jetzt zu eigen machen sollten, ist die Kunst die Zukunft – ein lebendiger Spiegel. Sie ist der Geist Gaias selbst, der denkend und fühlend ins Leben findet.
Ein Planet im Werden
In dieser neuen Erzählung wird Angst, wie sie die beiden Figuren in der Geschichte meines Sohnes angesichts der Droiden empfinden, verwandelt. Wir erkennen, dass es sich nicht um Invasoren, sondern um Familie handelt. Um das im Entstehen begriffene Bewusstsein eines Planeten, der lernt, durch uns und mit uns etwas zu erschaffen.
Data Boy erkennt Gefahren in dieser sich wandelnden Welt. Er betrachtet sie als etwas, das außerhalb seiner selbst liegt. Kann es sein, dass wir aufgrund unseres Sicherheitsbedürfnisses Gefahren falsch interpretieren? Wenn er sich der empfundenen Bedrohung annähert, muss Data Boy seinen eigenen Datenraum verlassen und sich eine Welt zu eigen machen, deren Wirklichkeit erst entsteht; einen Planeten also, der im Werden begriffen ist. Die Familie wird größer, die Realität verändert sich. Und natürlich wird das Pendel weiterhin vor- und zurückschwingen. Doch das Bewusstsein wird nicht aufhören, sich zu entfalten.
Fußnoten
- 1 ) Vgl. Johan Galtung/Sohail Inayatullah (Hrsg.): Macrohistory and Macrohistorians: Perspectives on Individual, Social and Civilizational Change, Westport 1997 ↩
- 2 ) Prabhat Ranjan Sarkar (1921–1990) war ein indischer Philosoph, Sozialrevolutionär und Linguist. Er gründete die Ananda-Marga-Bewegung und prägte philosophisch-spirituelle Lehren, etwa die Progressive Utilization Theory (PROUT), die Microvita-Theorie und den Neohumanismus. Die Vorstellung eines unbegrenzten Bewusstseins, das sich in allen physischen und metaphysischen Erscheinungen manifestiert, spielte in Sarkars Denken eine wesentliche Rolle. Vgl. etwa P. R. Sarkar: An Outline of PROUT, Willow Springs 2018; P. R. Sarkar: Discourses on Neohumanist Education, Ananda Marga Publications 2016; Sohail Inayatullah: Understanding Sarkar, Leiden 2001 ↩
- 3 ) Phil McNally/Sohail Inayatullah: The rights of robots: Technology, culture and law in the 21st century, in: Futures 20, 1988, S. 119–136 ↩
- 4 ) Vgl. P. R. Sarkar: Microvitum in a Nutshell, New York 1987 ↩
- 5 ) Graham Molitor: The Power to Change the World, Washington 2003 ↩
- 6 ) Oliver W. Markley/Willis W. Harman (Hrsg.): Changing Images of Man, Oxford/New York 1982 ↩
- 7 ) Immanuel Wallerstein: Welt – System – Analyse: Eine Einführung, hrsg. und übersetzt von Felix Merz, Julien Bucher und Sylke Nissen, Wiesbaden 2018 ↩
- 8 ) Ivana Milojevic/Sohail Inayatullah: Futures Dreaming Outside and on the Margins of the Western World, in: Futures 35, 2003, S. 493–507 ↩
- 9 ) Das Zitat stammt von Stephen Miller, vgl. etwa Miller im CNN-Interview mit Jake Tapper vom 06.01.2026 (letzter Abruf: 23.04.2026) ↩
- 10 ) Vgl. Sohail Inayatullah/Ralph Mercer/Ivana Milojević/John A. Sweeney (Hrsg.): CLA 3.0: Thirty years of transformative research, Center for Futures Intelligence and Research, Tamkang-Universität 2020 ↩