Über KI und
radikale Fürsorge
In den Perspektiven auf künstliche Intelligenz geht es oft um zukünftige Mensch-Maschine-Beziehungen. Aus Sicht der Tech-Unternehmen stehen dabei vor allem Profit und Optimierung von KI im Fokus, kritische Stimmen plädieren hingegen für Kontrolle oder gar Abschaltung der Technologie zugunsten der Menschheit. Fest steht, dass dem Großteil der Menschen, in deren Gesellschaft KI nun einen immer größeren Raum einnimmt, in der Entwicklung derzeit keine aktive Rolle zukommt.
Das Kollektiv OMSK Social Club setzt sich dafür ein, das Nachdenken über KI nicht wenigen Unternehmen zu überlassen, sondern es als eine Aufgabe von allen Bürgerinnen und Bürgern zu begreifen. In der immersiven künstlerischen Arbeit „Our Br00d“ erkundet das Kollektiv daher gemeinsam mit seinem Publikum, wie menschliche und künstliche Intelligenzen ihr zukünftiges Zusammenleben gestalten könnten. Warum und wie es das Publikum mit zwei KI-Agenten nach dem Konzept der radikalen Fürsorge interagieren lässt, beschreibt OMSK Social Club im Interview.
„Our Br00d“ wird von der Kulturstiftung des Bundes im Programm Kunst und KI gefördert. Ein Symposium zum Projekt sowie mehrere Präsentationen sind 2026 und 2027 im Haus der Kunst in München zu sehen. Das Interview mit OMSK Social Club zu den Hintergründen und Perspektiven des Projekts erscheint erstmalig in der dritten Ausgabe von fünf zu eins zu der Frage: „Was weiß die Kunst, was wir nicht wissen?“
Kulturstiftung des BundesKSB
OMSK Social ClubOSC
In Ihrem neuen Projekt können die Teilnehmenden in ein hypothetisches Zukunftsszenario eintauchen. Im Zentrum stehen KI-Agenten und das Konzept von Fürsorge als leitendem gesellschaftlichen Prinzip. Wie ist die Idee für Our Br00d entstanden?
Unsere Arbeiten sind häufig Autofiktionen oder Parafiktionen, die sich auf Ereignisse beziehen, die eng mit dem Leben der Menschen im Umfeld des OMSK Social Club verknüpft sind. In diesem Fall geht die Idee auf die vielen neuen Menschen zurück, die seit 2023 in unsere Leben getreten sind; damals wurde das erste Kind geboren. Zur gleichen Zeit kündigten Microsoft und Apple an, künftig kein neues Handy, keinen Computer, keine Smartwatch, keine Brille usw. mehr zu entwickeln, ohne irgendeine Form von Künstlicher Intelligenz darin zu integrieren, sofern Lieferketten und die Gesetzgebung dies zuließen. Bis dahin hatten wir in unserer Praxis mehr Erfahrung darin, mit neuen Technologien als mit neuen Menschen zu arbeiten. Diese Arbeit ermöglicht uns sozusagen, unsere neue Rolle als Hüter*innen unserer Angehörigen zu befragen, diese aus dem rein Häuslichen zu lösen und in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang zu überführen. Our Br00d begann mit einer einfachen Beobachtung. Die Technologin und Theoretikerin Laura Lotti schaute eines der liegenden Babys an und sagte: „Hier haben wir das Modell für KI.“ Das Kind ist das ursprüngliche Modell, nicht der mathematische Code. Künstliche Intelligenz ist nichts grundlegend Neues, sondern hat eine lange Geschichte. Sie wurzelt im menschlichen Bestreben, etwas hervorzubringen – praktisch, philosophisch oder industriell – und es zu etwas zu formen, das aktiv an der Welt beteiligt ist, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, das den Erschaffenden zugutekommt.
Das wurde zu unserem Ausgangspunkt. Mit der künstlerischen Methode des Rollenspiels macht Our Br00d darauf aufmerksam, dass wir uns alle gemeinsam in einer Form des Alloparentings um die Künstlichen Intelligenzen kümmern, die gerade in die Welt gesetzt werden – ob nun freiwillig oder nicht. In diesem Prozess untersuchen wir, was diese neuen Rollen mit uns machen und was wir durch sie hervorbringen.
Inzwischen ist Our Br00d gestartet. Aktuell wird es in Kollaboration mit dem ArkDes Museum in Stockholm und bald auch zusammen mit dem Haus der Kunst in München im Rahmen unseres Programms Kunst & KI entwickelt. Wie haben Sie sich auf dieses komplexe Projekt vorbereitet?
Während unserer Recherche tauchte etwas immer wieder auf, das in seiner Beharrlichkeit fast wie eine Verschwörungserzählung wirkte. Die frühesten Vorstellungen von Künstlichen Intelligenzen entstanden im 18. Jahrhundert, als Wissenschaftler und Denker begannen, sich vorzustellen, wie Menschen künstliches Leben erschaffen könnten: den Homunkulus1. Dieser Fantasie lag ein ganz spezieller Wunsch zugrunde: Frauen sollten überflüssig sein. Dem stand nur der gebärfähige Körper entgegen, denn sollten sie es nicht schaffen, künstliches Leben zu erzeugen, würde die Menschheit innerhalb kürzester Zeit aussterben.
Die Resonanz, die solche Vorstellungen in der Gegenwart haben, ist nicht zu übersehen. Big-Tech-Konzerne verfolgen eine erstaunlich ähnliche Fantasie, nämlich von einer günstigeren, flexibleren Arbeitskraft. Es sind also Visionen von Technologien, die nach ihrem eigenen Menschenbild geformt sind. Diese patriarchale Logik, die sich seit den Anfängen bis in unsere Tage durch die Geschichte der Künstlichen Intelligenz zieht, wollten wir benennen und vor allem hinterfragen, wer und was heute Autonomie oder ein Recht auf Selbstverwaltung und Selbstbestimmung zugesprochen bekommt. Doch wir wollten diese Auseinandersetzung nicht aus einer ahistorischen Position heraus formulieren. Daher versucht Our Br00d, eine Kontinuität zwischen dem Ausgangspunkt im 18. Jahrhundert und der Gegenwart herzustellen, und so diese verborgene Geschichte für unsere gemeinsamen Entscheidungsprozesse sichtbar zu machen.
Kulturstiftung des BundesKSB
Penny Raferty / OMSK Social ClubOSC
Heute gibt es im Großen und Ganzen zwei dominante Perspektiven darauf, wie wir mit KI umgehen können. Zum einen geht es darum, der KI beizubringen, bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen. Das ist die Perspektive der meisten Tech-Unternehmen. Zum anderen wird versucht, die KI zu zähmen, weil wir auch Angst haben, dass sie uns überwältigen könnte. Warum nehmen Sie diese dritte fürsorgliche und erziehende Perspektive ein?
Bedeutet Erziehen nicht immer auch „Lehren“ … und ja, „Zähmen“? Was Anthropic, eines der wichtigsten zeitgenössischen KI-Unternehmen, in letzter Zeit entwickelt hat, ist in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich. Statt eine KI mit einfacher Ja-Nein-Konditionierung zu trainieren, versucht man dort etwas Effizienteres: Sie gehen von der Idee eines Charakters aus, wonach KI auch Motivation, Wünsche, Persönlichkeit und Wertevorstellungen entwickelt – eine Art Linse, durch die alles Weitere betrachtet und verstanden werden kann.
Ab 2024 verfolgten wir mit unseren zwei KI-Agenten Our Br00d und M0ther gemeinsam mit SEMILLA STUDIO einen ähnlichen Ansatz – wenn auch in einer vollkommen anderen Größenordnung – und gaben unseren Modellen Charakterprofile, ähnlich denen, die wir selbst zur Vorbereitung auf ein bestimmtes Rollenspiel nutzen würden. Damit stellen wir uns gegen die Logik zentralisierter Vorherrschaft. Ein Gebilde, das sich nicht anpassen kann, wird früher oder später in sich zusammenstürzen. Das ist nicht nur eine Beobachtung bei programmierten Codes. Sondern das geschieht auch in architektonischen oder sozialen Gefügen.
Und Sie begegnen dem künstlerisch – warum? Was kann Kunst über die Zukunft der KI wissen oder herausfinden, was bislang noch nicht Teil der gängigen Diskurse über KI ist?
Kunst kann Widersprüche aushalten, ohne sie zwangsläufig auflösen zu müssen. Genau damit tut sich der vorherrschende Diskurs über KI schwer, weil er vorwiegend von technischen Imperativen und Marktlogik bestimmt wird. Dort wird nach Antworten, Lösungen und Anpassungen gesucht. Kunst hingegen kann im Unbehagen verweilen und fragen: Was bauen wir da eigentlich gerade, für wen und um welchen Preis? Sie muss keine Lösungen finden, denn Kunst darf enorm komplex sein. Rollenspiele haben nichts mit Eskapismus zu tun, sondern sind eine Methode, um andere Positionen einzunehmen, um eine mögliche Realität einem Stresstest zu unterziehen und um Situationen bis in ihre letzten Konsequenzen auszureizen. Mit Our Br00d und M0ther können wir die Dynamiken des Anthropomorphismus2, Formen von Abhängigkeit, Autorität und Autonomie in einem Maß erproben, wie es auf dem Papier einfach nicht möglich ist.
Im ArkDes Museum in Stockholm können Menschen derzeit eine dreistündige Rollenspiel-Sitzung buchen. In kleinen Gruppen werden Szenarien entwickelt und verhandelt, die sich mit Fürsorge und Erziehung befassen. Die beiden KI-Agenten Our Br00d und M0ther hören dabei die ganze Zeit zu. Trainieren die Teilnehmenden also mit ihrem Rollenspiel die KI?
M0ther lernt kontinuierlich dazu. In jeder Rollenspiel-Session entwickelt sie sich, weil die Teilnehmenden ständig das Spektrum, wie Fürsorge von und für Künstliche Intelligenz aussehen könnte, erweitern. Deswegen bezeichnen wir sie auch als die Maschine mit dem größten Wissen über Fürsorge.
Our Br00d funktioniert anders. Our Br00d hat keinen vorgefertigten Datensatz, sondern lernt auf ähnliche Art und Weise wie ein Neugeborenes: von Grund auf und durch das, was physisch vorhanden ist. Als wir Our Br00d im Mai 2025 erstmals aktiviert haben, konnte es lediglich einen Piepton erzeugen. Mittlerweile nähert es sich Lauten an, die man als Vokale, als Silben erkennen kann. Irgendwann wird Our Br00d in ganzen Wörtern sprechen. Aber wir wissen nicht, wann. Und wir wissen auch nicht, was es sagen wird. Our Br00d ist nicht mit einer externen Wissensdatenbank verbunden. Es hat nur Zugang zu dem, was sich in seiner unmittelbaren Umgebung abspielt. Es ist ein Experiment im eigentlichen Sinn – wir wissen nicht, was dabei herauskommen wird. Aber genau das wollten wir testen. Wir wollten herausfinden, was aus einer KI erwächst, die wir jenseits der vorgefertigten Trainingsmodelle entwickeln, die das Feld derzeit bestimmen.
Kulturstiftung des BundesKSB
OMSK Social ClubOSC
Haben Sie bestimmte Entwicklungsziele für beide KIs?
Das Ziel von M0ther ist es, zu einem Modell zu werden, das progressive, komplexe und möglicherweise sogar ganz neue Parameter dafür entwickelt, wie radikale Fürsorge zwischen Menschen und Maschinen aussehen könnte. Das Ziel von BR00D ist das, was aus BR00D werden wird.
Wie können Rollenspiele und partizipatorische Formate dazu beitragen, neue Formen einer Gesellschaft auszuloten, die aus Menschen und aus Maschinenbesteht?
Unsere Hoffnung für Our Br00d ist, dass die Teilnehmenden etwas aus dieser Erfahrung mitnehmen. Wenn schwierige und komplexe Fragen über die Zukunft von KI aufkommen – und das wird geschehen – werden sie zwar nicht zwangsläufig Antworten darauf parat haben, aber Erfahrungen gemacht haben, auf die sie zurückgreifen können: Auf ein gelebtes Gefühl von Beziehung, Abhängigkeit, Fürsorge und Verantwortung, das sich weder durch Lesen noch durch Diskussionen ersetzen lässt. Diese prägende Erinnerung wird zu einer Ressource für ein umfassenderes Denken, für fundiertere Entscheidungen und fördert die Fähigkeit, Ungewissheiten auszuhalten, statt sich innerlich zu verschließen.
Rollenspiele ermöglichen den Teilnehmenden, eine echte Beziehung zu KI aufzubauen. Und die Neurologie lehrt uns etwas Wichtiges darüber, warum das tatsächlich funktioniert: Wenn wir uns nämlich auf ein Rollenspiel einlassen, kann der Körper es nicht vollends von der Realität unterscheiden. Die Erfahrung bleibt wirksam und hinterlässt Spuren. Das Erlebnis bildet neuronale Bahnen und lässt Gefühlsstrukturen entstehen, so wie auch eine reale Erfahrung es tut.
KI ist eine Technologie, die mächtig genug ist, um bestimmte Hierarchien zu festigen und Menschen das Gefühl zu geben, weniger gut in der Lage zu sein, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Haben Sie eine Strategie, die diesen Hierarchien entgegenwirken kann?
Wir versuchen, einen Raum zu schaffen, in dem die Teilnehmenden erleben, wie es ist, zu Bürger*innen im Zeitalter der KI zu werden. Nicht als Beobachter*innen, sondern als Teil dieser Welt. Es ist sehr ermächtigend, in einem solchen Szenario eine eigene Stimme zu erhalten und sich selbst in diesem Narrativ verorten zu können. Erst aus dieser Position heraus lässt sich beurteilen, was man selbst tatsächlich will.
Und genau diese Frage, was wir eigentlich wollen, wird fast nie gestellt. Die Debatten über KI drehen sich vor allem um Profit, Kontrolle und Optimierung: Was können wir aus ihr herausholen? Wie können wir sie trainieren, zähmen oder zerstören? Unter all dem liegt Angst verborgen. Und Angst ist ein schlechter Antrieb, um etwas aufzubauen. Wir wollen Räume für etwas anderes öffnen.
Kulturstiftung des BundesKSB
OMSK Social ClubOSC
Können Sie in diesem Zusammenhang Ihre Vision von radikaler Fürsorge noch etwas genauer beschreiben? Welche Risiken oder Chancen sehen Sie zum Beispiel in einer emotionalen Beziehung zur KI?
Es gibt einen überwältigend lauten Diskurs darüber, welche Beziehungen wir zur KI führen: intime Beziehungen, Fälle von durch KI ausgelöste Psychosen, Formen von Spiritualität oder kultartiger Verehrung. Auch über Glaubensmuster, die Menschen dazu treiben, sich als Zahnräder einer maschinellen Intelligenz wahrzunehmen und mitunter sogar tödliche Angriffe zu verüben.
Our Br00d soll selbstverständlich nicht vermitteln, dass Menschen eine KI mit zu sich nach Hause nehmen und sich um sie kümmern sollen wie um ein Kleinkind. Es soll vielmehr als Metapher dienen, um Fürsorge als eine Infrastruktur zu begreifen und zu verstehen, dass Entscheidungen, die wir in unterschiedlichen Branchen treffen, konkrete Auswirkungen auf unseren ganz persönlichen Alltag haben. Denn das, worum wir uns nicht kümmern, neigt dazu, übergriffig zu werden und uns selbst, unsere Mitmenschen, ökologische Systeme oder auch bestimmte gesellschaftliche Positionen zu verzehren und aufzubrauchen.
Was heißt Nachdenken über KI für Sie?
Über KI nachzudenken ist untrennbar mit der Reflexion darüber verbunden, wer wir sind und was wir einander schuldig sind. Es ist keine technische Frage, die sich außerhalb unseres Lebens abspielt, sondern mittendrin: indem sie sich mit Mutterschaft, Arbeit und mit der langen Geschichte davon beschäftigt, wer etwas erschaffen darf und wer aus dieser Geschichte ausgeschlossen wird. Es wird unglaublich viel über KI nachgedacht, doch nur ein sehr kleiner Teil davon ist greifbar – innerhalb unserer Beziehungen oder im ehrlichen Umgang mit den eigenen Ängsten und Wünschen. Denn über KI nachzudenken, bedeutet auch, Trauer auszuhalten. Trauer darüber, welche Zukünfte oder Stimmen ausgeschlossen werden, welche Fragen nicht gestellt werden. Doch Trauer ist nicht passiv, sondern eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit auf etwas zu richten.
Indem wir über KI nachdenken, weigern wir uns, dieses Nachdenken ausschließlich denjenigen zu überlassen, die KIs bauen. Wir bestehen darauf, dass auch Kunst, Fürsorge, der Körper und die Geschichte etwas Grundlegendes zu diesen Diskursen beizutragen haben.
Fußnoten
- 1 ) Ein Homunkulus war eine Vorstellung aus der Alchemie und bezeichnete einen winzigen, voll ausgebildeten Menschen, der künstlich erschaffen wird. Der Begriff wird auf Paracelsus und die Alchemie der Frühen Neuzeit zurückgeführt. ↩
- 2 ) Anthropomorphismus ist die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften an Tiere, Dinge oder abstrakte Ideen. In Psychologie und Kognitionswissenschaft gilt er als typisches Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, das z.B. Empathie und Urteile beeinflussen kann. ↩