Kulturstiftung des Bundes
Ausgabe: Nr. 2/2025
Musik

The Scholar’s Record

Mariam Rezaei

Eine Turntable-Performance mit Auf­nahmen aus der Geschichte der Donaue­schinger Musik­tage

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The Scholar’s Record — Part (1)

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The Scholar’s Record — Part (2)

„Die Schallplatte ist das Relikt eines Rituals. Ob als Zuhörer:in zu Hause, als DJ auf der Bühne oder als Sammler:in von Raritäten in einem Plattenladen – in den Rillen liegt eine Vielzahl von Versen, Erfahrungen und Emotionen. Ähnlich wie ein „Scholar’s Rock“ (Gelehrtenstein) kann die Vinyl-Schallplatte für uns als Schöpfende und als Hörende zu einem Fokuspunkt werden. Gelehrtensteine (gongshi) werden von chinesischen Intellektuellen seit der Tang-Dynastie sehr geschätzt. Sie nutzen sie, um ihre Gedanken zu sortieren und zu schärfen. Der Dichter und Maler Mi Fu (1051–1107) war ein leidenschaftlicher Sammler von Steinen und kategorisierte sie nach vier Qualitäten: shou (schlanke und anmutige Form), zhou (schroff in Form und Oberfläche), lou und tou (Offenheit und Durchlässigkeit mit durch natürliche Erosion entstandenen Öffnungen).

Mi Fus Methodik liegt meiner Komposition „The Scholar’s Record“ zugrunde, die aus dem riesigen Archiv der Donaueschinger Musiktage beim Südwestrundfunk (SWR) schöpft. Das Stück, das als Quartett für vier von einem Solisten oder einer Solistin bedienten Turntables konzipiert ist, gestaltet Aufnahmen aus der 75-jährigen Geschichte des Festivals radikal um und verwendet dabei verschiedenste Techniken wie Scratching, Beatjuggling oder Turntabletöne. Ausgehend von Fus Kategorisierung lote ich neue Möglichkeiten aus, große Mengen musikalischer Werke zu klassifizieren und zu ergründen. „The Scholar’s Record“ beleuchtet so die kompositorische Ästhetik von Plunderphonics, Musique Concrète und Collage-Formen.“

Mariam Rezaei, geboren 1984 in Großbritannien, ist eine mehrfach ausgezeichnete Komponistin, Turntable-Künstlerin und Performerin, die sich mit experimenteller neuer Musik, freier Improvisation, Clubmusik und Hip-Hop beschäftigt. Sie arbeitet mit Schallplatten und digitalen Vinyls, um eine Vielzahl von Samples in Echtzeit zu manipulieren. Neben klassischen Turntable-Fähigkeiten hat sie mehrere eigene Techniken entwickelt, darunter Free Juggling, Turntable-Signs, Needle-Weaving und Needle-Dripping. Zusätzlich zu ihrer Soloarbeit ist die anglo-iranische Künstlerin Mitglied der internationalen Free-Music-Supergroup The Sleep of Reason Produces Monsters (mit Mette Rasmussen, Gabriele Mitelli und Lukas König) und des Turntable Trio mit Evicshen und Maria Chávez. Rezaei tritt international auf Festivals und in Konzertsälen in Europa und Nordamerika auf.


In „The Scholar’s Record“ sampelt Mariam Rezaei
folgende Aufnahmen aus dem SWR-Archiv der Donaueschinger Musiktage
(hier in historischer Reihenfolge):

1953 – Pierre Schaeffer & Pierre Henry: Orphée 53, spectacle lyrique

1955 – Iannis Xenakis: Metastaseis

1960 – Krzysztof Penderecki: Anaklasis

1960 – Olivier Messiaen: Chronochromie

1961 – György Ligeti: Atmosphères

1967 – Archie Shepp: One for the Trane

1970 – Heinz Holliger: Pneuma

1970 – Karlheinz Stockhausen: Mantra

1970 – Sun Ra & his Intergalactic Research Arkestra: Black Forest Myth

1970 – Sun Ra & his Intergalactic Research Arkestra: Strange Dreams – Strange Worlds – Black Myth / It’s After the End of the World

1971 – Don Cherry & Krzysztof Penderecki: Actions

1976 – Anthony Braxton & George Lewis: Donaueschingen (Duo)

1980 – Helmut Lachenmann: Tanzsuite mit Deutschlandlied

1985 – World Music Meeting Ensemble (Andrew Cyrille, Dom Um Romao, Pandit Prakash Maharaj, Connie Bauer, u.a.): To Hear the World in a Grain of Sand

1989 – Wolfgang Rihm: Frau/Stimme

1984/1990 – Luigi Nono: A Carlo Scarpa, architetto ai suoi infiniti possibili

1990 – Bruno Maderna: Ausstrahlung

1990 – Christoph Staude: Morpheus

1996 – María Cecilia Villanueva: Partida

1996/1998 – Younghi Pagh-Paan: SOWON…BORIRA

2000 – Olga Neuwirth: The Long Rain

2001 – Beat Furrer: Orpheus’ Bücher

2003 – Isabel Mundry: Penelopes Atem

2005 – Otomo Yoshihide, Axel Dörner, Sachiko M, Martin Brandlmayr: Allurements of the Ellipsoid

2010 – Full Blast & Friends (Peter Brötzmann, Thomas Heberer, Marino Pliakas, Dirk Rothbrust, Ken Vandermark, Michael Wertmüller): Sketches and Ballads

2010 – Liza Lim: The Guest

2009/2011 – Iris ter Schiphorst: Studien zu Figuren

2012 – Beat Furrer: linea dell’orizzonte

2016 – Martin Smolka: a yell with misprints.

2016 – Okkyung Lee Septet: Cheol-Kkot-Sae (Steel Flower Bird)

2015/2016 – Rebecca Saunders: Skin

2018/2019 – Matthew Shlomowitz: Glücklich, Glücklich, Freude, Freude

Die Live-Performance „The Scholar’s Record“, entstanden im Auftrag des SWR, präsentierte Mariam Rezaei als Uraufführung auf den Donaueschinger Musiktagen im Oktober 2025. Die Kulturstiftung des Bundes fördert die Donaueschinger Musiktage als Kulturellen Leuchtturm.