The Scholar’s Record
Mariam Rezaei
Eine Turntable-Performance mit Aufnahmen aus der Geschichte der Donaueschinger Musiktage
The Scholar’s Record — Part (1)
The Scholar’s Record — Part (2)
„Die Schallplatte ist das Relikt eines Rituals. Ob als Zuhörer:in zu Hause, als DJ auf der Bühne oder als Sammler:in von Raritäten in einem Plattenladen – in den Rillen liegt eine Vielzahl von Versen, Erfahrungen und Emotionen. Ähnlich wie ein „Scholar’s Rock“ (Gelehrtenstein) kann die Vinyl-Schallplatte für uns als Schöpfende und als Hörende zu einem Fokuspunkt werden. Gelehrtensteine (gongshi) werden von chinesischen Intellektuellen seit der Tang-Dynastie sehr geschätzt. Sie nutzen sie, um ihre Gedanken zu sortieren und zu schärfen. Der Dichter und Maler Mi Fu (1051–1107) war ein leidenschaftlicher Sammler von Steinen und kategorisierte sie nach vier Qualitäten: shou (schlanke und anmutige Form), zhou (schroff in Form und Oberfläche), lou und tou (Offenheit und Durchlässigkeit mit durch natürliche Erosion entstandenen Öffnungen).
Mi Fus Methodik liegt meiner Komposition „The Scholar’s Record“ zugrunde, die aus dem riesigen Archiv der Donaueschinger Musiktage beim Südwestrundfunk (SWR) schöpft. Das Stück, das als Quartett für vier von einem Solisten oder einer Solistin bedienten Turntables konzipiert ist, gestaltet Aufnahmen aus der 75-jährigen Geschichte des Festivals radikal um und verwendet dabei verschiedenste Techniken wie Scratching, Beatjuggling oder Turntabletöne. Ausgehend von Fus Kategorisierung lote ich neue Möglichkeiten aus, große Mengen musikalischer Werke zu klassifizieren und zu ergründen. „The Scholar’s Record“ beleuchtet so die kompositorische Ästhetik von Plunderphonics, Musique Concrète und Collage-Formen.“
In „The Scholar’s Record“ sampelt Mariam Rezaei
folgende Aufnahmen aus dem SWR-Archiv der Donaueschinger Musiktage
(hier in historischer Reihenfolge):
1953 – Pierre Schaeffer & Pierre Henry: Orphée 53, spectacle lyrique
1955 – Iannis Xenakis: Metastaseis
1960 – Krzysztof Penderecki: Anaklasis
1960 – Olivier Messiaen: Chronochromie
1961 – György Ligeti: Atmosphères
1967 – Archie Shepp: One for the Trane
1970 – Heinz Holliger: Pneuma
1970 – Karlheinz Stockhausen: Mantra
1970 – Sun Ra & his Intergalactic Research Arkestra: Black Forest Myth
1970 – Sun Ra & his Intergalactic Research Arkestra: Strange Dreams – Strange Worlds – Black Myth / It’s After the End of the World
1971 – Don Cherry & Krzysztof Penderecki: Actions
1976 – Anthony Braxton & George Lewis: Donaueschingen (Duo)
1980 – Helmut Lachenmann: Tanzsuite mit Deutschlandlied
1985 – World Music Meeting Ensemble (Andrew Cyrille, Dom Um Romao, Pandit Prakash Maharaj, Connie Bauer, u.a.): To Hear the World in a Grain of Sand
1989 – Wolfgang Rihm: Frau/Stimme
1984/1990 – Luigi Nono: A Carlo Scarpa, architetto ai suoi infiniti possibili
1990 – Bruno Maderna: Ausstrahlung
1990 – Christoph Staude: Morpheus
1996 – María Cecilia Villanueva: Partida
1996/1998 – Younghi Pagh-Paan: SOWON…BORIRA
2000 – Olga Neuwirth: The Long Rain
2001 – Beat Furrer: Orpheus’ Bücher
2003 – Isabel Mundry: Penelopes Atem
2005 – Otomo Yoshihide, Axel Dörner, Sachiko M, Martin Brandlmayr: Allurements of the Ellipsoid
2010 – Full Blast & Friends (Peter Brötzmann, Thomas Heberer, Marino Pliakas, Dirk Rothbrust, Ken Vandermark, Michael Wertmüller): Sketches and Ballads
2010 – Liza Lim: The Guest
2009/2011 – Iris ter Schiphorst: Studien zu Figuren
2012 – Beat Furrer: linea dell’orizzonte
2016 – Martin Smolka: a yell with misprints.
2016 – Okkyung Lee Septet: Cheol-Kkot-Sae (Steel Flower Bird)
2015/2016 – Rebecca Saunders: Skin
2018/2019 – Matthew Shlomowitz: Glücklich, Glücklich, Freude, Freude
Die Live-Performance „The Scholar’s Record“, entstanden im Auftrag des SWR, präsentierte Mariam Rezaei als Uraufführung auf den Donaueschinger Musiktagen im Oktober 2025. Die Kulturstiftung des Bundes fördert die Donaueschinger Musiktage als Kulturellen Leuchtturm.