Liebe
Leserinnen und Leser,
immer häufiger ist in kulturpolitischen Debatten von jenen Werken die Rede, die als „Meisterwerke“ gelten – als Inbegriff des Bewährten, des Kanonischen, des Verlässlichen. Doch was macht ein Meisterwerk aus? Ist es seine handwerkliche Perfektion, seine Wirkung auf Zeitgenossinnen oder der Blick der Nachwelt, der es erhöht? Viele künstlerische Arbeiten, die heute als Klassiker angesehen werden, galten einst als Zumutung, als Irrtum oder schlicht als unverständlich. Andere wiederum wurden schon zu Lebzeiten gefeiert und sind bis heute unbestrittene Bezugspunkte. Meisterschaft ist also kein festes Maß, sondern ein beweglicher Begriff, der sich immer wieder neu formt.
Der Begriff des Meisterwerks ist aber mehr als eine ästhetische Kategorie: Meisterwerke entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern durch Diskurse und institutionelle Entscheidungen, die festlegen, was als förderns- und bewahrenswert gilt. Damit ist jede Auseinandersetzung mit Klassikern auch eine mit Macht, Erinnerung und Verantwortung: Wer entscheidet, was bleibt – und was erst noch gesehen werden muss?
Diese zweite Ausgabe von fünf zu eins versammelt fünf Beiträge, die das Konzept des Meisterwerks neu befragen. Die Schauspielerin Zora Schemm spielt in „Herrlichkeit 1 und 2“ mit den Erwartungen an das Erhabene – und legt frei, wie sehr unsere Vorstellungen von künstlerischer Größe auf kollektiven Mustern beruhen. Die Kuratorin Juliane Schickedanz berichtet aus der Kunsthalle Osnabrück von den täglichen Aushandlungen zwischen künstlerischem Experiment, gesellschaftlicher Erwartung und institutioneller Verantwortung – einem Balanceakt, der zeigt, dass Meisterschaft heute eher im Vermitteln als im Verharren liegt.
Der Autor Florian Illies spürt am Beispiel Thomas Manns der Frage nach, was wir von der Rezeption dieser monumentalen Figur der Literaturgeschichte für die Kunst heute mitnehmen können. Die Komponistin Mariam Rezaei greift für ihr Stück „The Scholar’s Record“ auf das 75-jährige Archiv der Donaueschinger Musiktage zurück. Sie formt aus den einst als sperrig geltenden Werken der Neuen Musik ein Turntable-Quartett, das Tradition und Gegenwart in Bewegung bringt. Und der Künstler Eric Meier erinnert in seinem Bildessay daran, wie sehr politische Systeme den Begriff des „Meisterwerks“ geprägt haben: Was einst, etwa im sozialistischen Realismus der DDR, als Zukunftsversprechen gefeiert wurde, kann im Rückblick zum Symbol einer vergangenen Ordnung werden.
Vielleicht liegt gerade darin die Aufgabe der Gegenwartskunst – nicht im Schaffen ewiger Meisterwerke, sondern im Offenhalten des Möglichen. In Momenten, die irritieren und berühren, die Wahrnehmung verschieben und Zukunft ahnen lassen. Bleiben wir also beständig – in der Neugier auf das Neue, Unfertige und Widersprüchliche. Auf das, was erst noch Meisterwerk werden könnte.
Ihre
Katarzyna Wielga-Skolimowska
Kirsten Haß
Vorstand der Kulturstiftung des Bundes