Kulturstiftung des Bundes
Auf einer weißen Wand mit kaum sichtbarer Oberflächenstruktur sind nebeneinander die Worte „immer“ und „nimmer“ in kleingeschriebener Frakturschrift eingraviert. Die eingravierten Buchstaben sind ebenfalls weiß. Der dezente Schattenwurf in den Gravur-Linien führt zu leichten Kontrasten im Schriftbild.
Ausgabe: Nr. 2/2025
Bild-Essay

vorwärts/​rückwärts

Eric Meier

Zum 40. Jahrestag der DDR im Oktober 1989 prägte Erich Honecker die Losung „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“. Wenig später fällt die Berliner Mauer und die DDR kollabiert. Ihre Zeit war abgelaufen, obwohl sie zeitlos gedacht war. Geblieben sind urbane Räume, die als gebaute Utopien einst Zukunft versprachen und plötzlich als gescheitert galten. Eric Meier erinnert in seinem Bildessay, dass auch politische Umbrüche die Halbwertszeit von Meisterwerken bedingen.

Farbfotografie eines künstlerischen Objektes: Zu sehen ist ein halbverwitterter, mit verschiedenfarbigen Steinen durchsetzter Betonbrocken, dessen Form an ein liegendes Dreieck erinnert. Daran angelehnt ist ein deformierter Glasbaustein. Dieser wirkt, als sei er in sich zusammengesackt. Nur der Betonbrocken scheint ihm Halt zu geben.
(2)
Farbfotografie eines künstlerischen Objektes: Es ist eine aus Beton gegossene Hand mit Armansatz zu sehen, deren Zeigefinger und Daumen ausgestreckt und die übrigen Finger eingeklappt sind. Die Hand ist am Armansatz an der Wand angebracht. Die Fotografie ist im Kontext des Bildessays so arrangiert, dass die Hand auf das danebenstehende Foto mit ähnlichem Motiv verweist.
(3)
Farbfotografie eines künstlerischen Objektes: Zu sehen ist eine aus Beton gegossene Hand mit Armansatz, deren Zeigefinger ausgestreckt und alle übrigen Finger eingeklappt sind. Die Hand ist am Armansatz an der Wand angebracht. Die Fotografie ist im Kontext des Bildessays so arrangiert, dass die Hand auf das danebenstehende Foto mit ähnlichem Motiv verweist.
Der Klassiker „Man zeigt nicht
mit nacktem Finger auf
angezogene Leute
“ zählt nur
noch bedingt.
Farbfotografie eines künstlerischen Objektes: Zu erkennen ist eine Gruppe aus sieben braunen, stark deformierten Bierflaschen. Die Flaschenkörper sind zusammengesunken, nahezu platt und ohne Volumen. Die Flaschen überlagern sich zum Teil und die Öffnungen der meisten Flaschen sind nach vorn geneigt. Es wirkt, als würden sie sich aneinander lehnen.
(4)
In Gesellschaften
kann aus „social warming“ schnell
social warning“ werden.
Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine raumgreifende Plastik in einem örtlich nicht näher zu bestimmendem Park. Die längliche Plastik besteht aus 48 gleichen, quadratischen Betonsegmenten, deren Innenflächen jeweils von drei amorphen Formen (eine kleinere eiförmige, eine etwas größere rundliche und eine längliche Form) durchbrochen sind. Jeweils 12 dieser gleichen Quadrate sind — jeweils unterschiedlich gedreht platziert – in einer Reihe angeordnet. Insgesamt sind vier Reihen übereinander montiert. Der Beton weist Spuren von Verwitterung und Beschädigung auf. Hinter der Plastik sind hohe, belaubte Bäume zu sehen sowie ein niedriges, teilweise kahles Strauchgewächs. Unmittelbar vor der Plastik befinden sich wadenhohe, krautartige Gewächse sowie zwei helle quadratische Fundamente. Im Vordergrund ist eine Rasenfläche zu sehen.
(5)
Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt einen Fassadenausschnitt eines DDR-Plattenbaus: Zu sehen ist ganz unten ein sehr schmaler Grünstreifen, auf dem ganz links ein abgebrochenes Fassadenelement liegt. Über dem Grünstreifen ist der Sockel zu sehen, dessen Putz verwittert ist und auf dem in heller Farbe im linken Bereich ein senkrechter Strich und eine viereckige Form gezeichnet sind. Circa zwei Drittel des Bildes nimmt die Erdgeschossfassade ein, bestehend aus einem in der DDR ab den 1970er Jahren weit verbreiteten Sichtbeton-Fassadenelement mit zweiteiligem Fenster. Vier Regenwasserlinien verlaufen vom unteren Fensterrand zum Sockel. Am linken Bildrand ist eine markante Schattenfuge von oben bis zum Sockelfuß zu sehen.
(6)
Das Hauptmotiv dieses Schwarz-Weiß-Fotos ist ein Distelgewächs ohne Blütenstände, das auf der im Bild unteren Stufe einer klassizistisch anmutenden Außentreppe wächst. Auf anderen Treppenstufen befinden sich ebenfalls krautartige Pflanzen sowie kleinere Holzstücke. Am oberen Treppenabsatz zeichnen sich Basis und Schaft einer klassizistisch anmutenden Säule sowie die Fassade eines ebensolchen Gebäudes ab.
(7)

Im Dickicht der immer wieder aufkeimenden Deutschtümelei.

Eine Epoche,
die besser da bleibt,
wo sie war.
Farbfotografie eines künstlerischen Objektes: Zu sehen ist auf einem mit verschiedenfarbigen Steinen durchsetzten Betonbrocken ein deformierter Glasbaustein. Der Glasbaustein wölbt sich über den Betonbrocken, ähnlich wie ein Kissen.
(8)
Farbfotografie von einem Innenraum in strenger Zentralperspektive: Abgebildet sind eine getäfelte Flügeltür aus Holz (mittig) und rechts und links davon eine weiße Wand, die im unteren Viertel holzvertäfelt ist. Am unteren Bildrand ist Parkett im Fischgrätenmuster zu sehen, am oberen Rand eine reichverzierte Stuckdecke. Zwischen Stuckdecke und dem Bereich des oberen Türrahmens wurde nebeneinander neunmal ein Kreis mit jeweils einem große „A“ in die Wand eingraviert. Dieses sogenannte Anarcho-Zeichen ist als Symbol für Anarchismus bekannt.
(9)
Was soll und kann noch passieren?

Vielleicht hilft auch einfach mal der Schrei 

AAA AAA AAA.

Bildliste:

  1. (1) (im Hintergrund) vorwärts/rückwärts, 2025 — 32 x 4,5 x 0,5 cm, insitu Wandgravur
  2. (2) Komplexe/Complexe (WK V), 2025 — 60 x 41 x 36 cm, deformierter Glasbaustein, Beton
  3. (3) Auf Gute Nachbarschaft, 2019 — je 16 x 13 x 8 cm, Betonguss, Armierungseisen
  4. (4) social warming II, 2025 — fusionierte Sternburg-Bierflaschen
  5. (5) Landschaft (gefangen), 2022 — 59 x 79 cm, S/W Pigmentdruck
  6. (6) Spinne, 2021 — 85 x 60 cm, S/W Pigmentdruck
  7. (7) Eiche, 2019 — 168 x 120 cm, S/W Pigmentdruck
  8. (8) Komplexe/Complexe (WK VI), 2025 — 54 x 33 x 19 cm, deformierter Glasbaustein, Beton
  9. (9) Access All Areas (AAAAAAAAA), 2024/2025 — 410 x 75 x 0,5 cm, insitu Wandgravur, Basel Social Club

Eric Meier, geboren 1989 in Ost-Berlin und aufgewachsen in Frankfurt/Oder, studierte Fotografie und Bildhauerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig sowie an der Ostkreuzschule für Fotografie und an der Universität der Künste in Berlin. Ein wiederkehrendes Thema in seinen künstlerischen Arbeiten ist der Verlust von gemeinschaftlichen Utopien durch tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche. Meiers Werke sind u.a. in der Staatlichen Kunstsammlung Dresden sowie in der Bundeskunstsammlung vertreten.