Kulturstiftung des Bundes
Ausgabe: Nr. 2/2025

Autonomie und Ritual

Juliane Schickedanz

Interview

Lesezeit 7 min.

Wirtschaftlich, zugänglich, innovativ, aber nicht zu provokant, und gesellschaftlich wertvoll – der Erwartungsdruck auf Ausstellungshäuser ist enorm. Die Kuratorin Juliane Schickedanz reflektiert, wie sie für die Kunsthalle Osnabrück zwischen Kunst, Publikum und Politik vermittelt – und eigene Vorannahmen überwindet.

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Juliane SchickedanzSchickedanz

KSB

Schaut man sich das Programm der Kunsthalle Osnabrück an, könnte man sich fragen: Warum keine Meisterwerke? Würde es Sie interessieren, Meisterwerke auszustellen?

Schickedanz

Die Kunsthalle Osnabrück befindet sich in einem ehemaligen Dominikanerkloster aus dem 13. Jahrhundert. Die Architektur der dazugehörigen gotischen Kirche ist an sich schon ein Meisterwerk. Hier zeitgenössische Kunst zu zeigen, ist das größtmögliche Spannungsverhältnis. Es bringt alte und neue Perspektiven in einen Dialog. Diese Auseinandersetzung empfinden wir als sehr fruchtbar. Gleichzeitig verfolgen meine Kollegin Anna Jehle, mit der ich gemeinsam die Kunsthalle Osnabrück leite, und ich einen institutionskritischen Ansatz: Wir möchten uns dem Geniekult, mit dem Meisterwerke unweigerlich verbunden sind, verwehren. Die Kunsthalle Osnabrück verstehen wir vielmehr als einen Ort, der respektvoll mit dem historischen Erbe umgeht und gleichzeitig die Barrieren für den Zugang zur Kunst abbauen möchte.

KSB

Was sehen Sie kritisch am Begriff des Meisterwerks?

Schickedanz

Einerseits gibt es den Kanon, der in der Kunstszene selbst verankert ist: Was heute trendy ist, wird irgendwann Mainstream und sickert durch. Das Entstehen und die Rolle von Hypes sollte man kritisch hinterfragen. Andererseits gibt es einen etablierten Publikumsgeschmack, der auch das widerspiegelt, was Kinder schon in der Schule lernen. Und gerade, weil dieses Verständnis von Kunst und sogenannten Meisterwerken so früh geformt wird, ist uns Vermittlung so wichtig. Interessiert beobachten wir aktuell, was die vereinfachte Reproduzierbarkeit von Kunst durch Künstliche Intelligenz bewirkt. Wie reagiert der Kunstmarkt und wie beeinflusst das den Kanon? Werden in Zukunft „Meisterwerke“ und „das Genie“ wieder in den Mittelpunkt treten, um sich vom Generischen abzugrenzen? Natürlich bestand die gleiche Angst auch schon bei anderen Medien wie der Fotografie: Die Kunst wird immer ihre Mittel und Wege finden, um frei zu bleiben und sowohl neu als auch kritisch zu denken.

KSB

Gerade im Ausstellungswesen scheint aktuell die Notwendigkeit zuzunehmen, Positionen zu präsentieren, die Rückhalt beim Publikum und in der Kulturpolitik versprechen. Wie erleben Sie diese Situation?

Schickedanz

Das Bedürfnis nach einem Kanon gab es schon immer – noch relevanter finde ich aber die Frage nach „sicheren Positionen“, also solchen, die einfacher zu konsumieren, weniger kritisch sind. Wohin führt uns das? Für uns ist es wichtig, Vielfalt zu zeigen, also sowohl etablierte als auch im Kunstmarkt nicht etablierte Positionen. Wir sehen, dass sie sich gegenseitig bereichern. Aus dieser Vielfalt können wir nur lernen. Sich auf verschiedene Perspektiven einzulassen, ist auch eine Frage von Toleranz und Teilhabe. Wir müssen es aushalten, ästhetische Differenzen zu erleben und überrascht zu werden.

KSB

Wie schaffen Sie es, Räume für Vielfalt und Differenz offen zu halten?

Schickedanz

Angesichts der angespannten Wirtschaftslage stehen wir ökonomisch wie viele andere Häuser vor Herausforderungen. Auch wir haben die Sorge, dass unsere finanziellen Mittel immer knapper werden. In Osnabrück haben wir unterschiedliche Strategien entwickelt, mit der prekären Lage kreativ umzugehen. Zum Beispiel verzichten wir seit letztem Jahr auf einen Ausstellungsraum von 200 Quadratmetern und nutzen ihn stattdessen komplett für unsere Kunstvermittlung, die vorher keinen eigenen Raum hatte. Die Künstlerin Julia Miorin hat zusammen mit Bürger:innen der Stadt einen generationsübergreifenden Ort für kreative Prozesse geschaffen. Dort arbeitet meine Kollegin Christel Schulte mit vielen Schulklassen, unsere Vermittler:innen geben Workshops oder unsere Kuratorin für Public Programming Jasmin Osmanović lädt zu Lesungen und Vorträgen ein. Wir bieten den Raum aber zum Beispiel auch für eigene Veranstaltungen der Stadtgesellschaft an. Durch die Kooperation mit anderen bauen wir einander stärkende Netzwerke in der Stadt auf. Gleichzeitig ermöglicht uns das auch, mehr Kapazitäten für die anderen Ausstellungen zu haben.

KSB

Haben Sie durch diese Öffnung des Hauses neue Impulse erhalten?

Schickedanz

Die Arbeit mit der Stadtgesellschaft führt uns zu spannenden Fragen: Wer hat hier bisher ausgestellt? Wer noch nicht? Welche kleineren Initiativen und Kooperationen lassen wir in unserem Haus zu? Welche Ideen haben sie, mit „unserem“ Raum umzugehen? In der aktuellen nicht nur ökonomischen, sondern auch politischen Situation treten für uns Fragen von Solidarität und Zusammenhalt immer mehr in den Vordergrund. Kooperationen mit unterschiedlichen Akteur:innen aus unterschiedlichen Disziplinen, nicht nur aus der Kunst, sondern auch beispielsweise aus Wissenschaft, Soziokultur, Umweltpädagogik – das sind die Dinge, die uns in den nächsten Jahren stützen werden.

KSB

Was ist die Stärke von solchen Kooperationen?

Schickedanz

Wissen weiterzugeben und voneinander zu lernen ist sicher ein Aspekt – das ist es auch, was ich mit dem Aushalten ästhetischer Differenz meinte. Ein anderer betrifft den lokalen Kontext: Osnabrück ist eine mittelgroße Stadt mit einem sehr engagierten und differenten Publikum. Ich würde uns als ein Mehrgenerationenhaus beschreiben. Hier sind wir gefordert, uns mit dem Publikum auseinanderzusetzen – das hat auch einen politischen Mehrwert für unser Haus. Wir haben in den letzten Jahren viele Projekte durchgeführt, bei denen wir auch uns selbst reflektiert haben, zum Beispiel: Welche Teilhabeprozesse können wir stemmen – und welche vielleicht nicht? Zu unserem 30-jährigen Jubiläum 2023 haben wir 30 Akteur:innen eine Carte Blanche ausgestellt. Dabei sind Programme entstanden, die ich vielleicht nicht kuratiert hätte, von kleinen Ausstellungen bis hin zu Kneipenquiz und Kochevents. Als Kuratorin musste ich hin und wieder meine eigene starke Meinung, meine Vorannahmen hinterfragen. Sich diesem Austausch nicht zu verwehren und ästhetische Differenzen auszuhalten, erscheint mir gesellschaftlich total wertvoll. Und es bereichert zum Schluss auch unsere Arbeit.

KSB

Wenn Sie aber umgekehrt kuratorische Setzungen vornehmen, die dem Publikum auch Dinge zumuten: Wie gehen Sie mit dem Spannungsverhältnis zwischen Ihrem eigenen Gestaltungswillen und demokratischer Teilhabe um?

Schickedanz

Unsere kuratorische Praxis bewegt sich immer zwischen gesellschaftlicher Öffnung und dem Schutz künstlerischer Autonomie. Wir arbeiten in Jahresthemen, das heißt, wir haben ein Oberthema für ein Jahr, über das wir breites Interesse wecken können. Meistens sind das bewusst offene Begrifflichkeiten wie „Enttäuschung“,, „Romantik“ oder „Geister“. Diese Jahresthemen sollen gleichermaßen für Kunstvermittlung, Ausstellungskuration, Künstler:innen und Publikum funktionieren. Das Thema soll neugierig machen – auch wenn die künstlerischen Positionen dem Publikum noch nicht bekannt sind. In den Ausstellungen stehen die künstlerischen Arbeiten dann für sich – die Kunstfreiheit und die Autonomie der Künstler:innen sind für uns unantastbar. Als Institution sehen wir unsere Aufgabe darin, die ausgewählten Positionen zu vermitteln. Dazu gehört der Lernprozess, sich auf etwas einzulassen und vielleicht erst einmal nicht zu verstehen. Das ist mittlerweile für viele Menschen in unserer schnellen, konsumorientierten Gesellschaft ungewohnt. Teil unseres Bildungsauftrags ist es, nachhaltig Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene mittels Kunst gesellschaftlich relevante Werte für einen offenen Umgang miteinander zu vermitteln. Diese Arbeit wird manchmal erst Jahre später wirksam.

KSB

Dennoch gibt es auch die Erwartungen an Kulturinstitutionen, große gesellschaftliche Fragen zu adressieren und kurzfristig Antworten aufzuzeigen – wie gehen Sie damit um?

Schickedanz

Die Crux ist: Das Geld wird nicht mehr, aber der Druck auf die Zahlen wächst. Das ist eine Unwucht. Ungeachtet dessen bleibt es unsere Aufgabe, im Dialog zu bleiben und den Spagat zu wagen zwischen dem Anspruch auf künstlerische Autonomie und dem Wunsch, ein Ort zu sein, an dem sich Menschen gerne aufhalten wollen. Dafür braucht es sowohl neue künstlerische Positionen als auch beispielsweise den Sektempfang zu Ausstellungseröffnungen. Letzterer ist aus unserer Sicht ein lohnendes Investment: Überall wurde er gestrichen, wir haben den Sektempfang wieder eingeführt. Man darf nicht vergessen, dass auch das Publikum in seinem Bedürfnis nach eingespielten Ritualen wahrgenommen werden will.

KSB

Wenn wir von gesellschaftlichen Erwartungen zu den Perspektiven überschwenken, die junge Menschen auf Kunst und Kultur haben: Sind diese noch attraktive Berufsfelder?

Schickedanz

Wie ein Damoklesschwert hing schon zu meiner Zeit an der Kunsthochschule über den Studierenden die Erwartung, dass vielleicht nur die besten 2 Prozent von ihrer Kunst leben können werden. Aber was machen die restlichen 98 Prozent? Wie lebt man als Künstler:in mit einer hybriden Identität, damit man finanziell auskommt? Die eigene Kunst in einer Galerie zu verkaufen, ist ja nur eine Option. Wir arbeiten zum Beispiel mit Künstler:innen zusammen, die als „Commission Artists“ Ausstellungen zu kuratorischen Konzepten entwickeln oder Kunst für den öffentlichen Raum oder Bauten entwerfen und realisieren. Andere Künstler:innen sind parallel in der Pflege oder in der Pädagogik tätig. Doch über diese unterschiedlichen Identitäten, die ein:e Künstler:in haben kann, hört man wenig, weder in den Museen noch von Künstler:innen selbst. Das Feld ist immer noch mit Scham behaftet. Dabei wären gerade Erzählungen über diese Schnittstellen-Identitäten sehr wertvoll. Zeitgenössische Kunst wird von uns als Spiegel der Gesellschaft verstanden. Dann ist es auch wichtig, alle Lebensbereiche sichtbar zu machen. Wenn wir über Klassismus im Kunstdiskurs sprechen, müssen wir auch über die prekären Lebensrealitäten von Künstler:innen reden. Und das darf natürlich nicht symbolisch bleiben.

Das Interview führte die Redaktion von fünf zu eins.

Juliane Schickedanz, geboren 1986, leitet seit 2020 zusammen mit Anna Jehle die Kunsthalle Osnabrück. Kuratorisch arbeiten sie interdisziplinär und prozesshaft an Jahresthemen, die gesellschaftspolitische Fragen aufgreifen und sinnlich erfahrbar machen. Zuvor war Juliane Schickedanz für den Kunstverein Bielefeld, die Werkleitz Gesellschaft in Halle (Saale) sowie für den KV – Verein für zeitgenössische Kunst in Leipzig tätig. Während ihrer Arbeit dort erhielt der im Kollektiv geführte Kunstverein 2019 den ADKV-ART COLOGNE Preis für den besten Kunstverein im deutschsprachigen Raum.